Forschung an neuen Rettungskonzepten für Menschen mit Beeinträchtigungen

Es ist ein erklärtes Ziel der Bundesregierung, Menschen mit Beeinträchtigungen zu inkludieren, also vollständig in das normale Leben zu integrieren. Sie sollen, soweit es geht, nicht mehr in besonderen Heimen und Anstalten untergebracht werden. Sind aber der vorbeugende Brandschutz und die Feuerwehren darauf vorbereitet? Stimmen die bisherigen Rettungskonzepte für Menschen mit Beeinträchtigungen?

Den möglichen Gefahren durch Fehlfunktionen technischer Anlagen, Brände oder Naturkatastrophen sind wir alle gleichermaßen ausgesetzt. Doch was passiert, wenn die betroffenen Menschen sich nicht selbst retten können, weil sie körperlich oder altersbedingt beeinträchtigt sind oder nicht erfassen, dass eine konkrete Gefahr besteht? Kenntnisse über das Verhalten dieser Personengruppen und deren Selbstrettungsfähigkeiten gibt es kaum.

Um neue Rettungskonzepte für diese Notsituationen zu erarbeiten, startet nun das Forschungsprojekt „Sicherheit für Menschen mit körperlicher, geistiger oder altersbedingter Beeinträchtigung (SiME)“. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 1,12 Mio. Euro gefördert und ist Teil im Programm „Forschung für die zivile Sicherheit“. Unter Koordination der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) beteiligen sich fünf weitere Partner aus Forschung und Industrie sowie die Werkstatt Lebenshilfe als Praxispartner an dem Vorhaben.

Bei den Untersuchungen stehen Aspekte der effektiven Vorbereitung der Betroffenen auf kritische Situationen, die räumliche und bauliche Gestaltung verschiedener Einrichtungen wie Wohnheime oder Werkstätten, aber auch Evakuierungsszenarien im Fokus.

Die Rettungskonzepte werden mithilfe von Computersimulationen erarbeitet. Die dafür erforderlichen Daten ermitteln die Expertenteams durch verschiedene Parameterstudien. So werden zur Berechnung von belastbaren Evakuierungszeiten konkrete Bewegungsparameter, wie Geschwindigkeiten oder Abstände der Personen, untereinander erfasst. Für diese Untersuchungen werden heterogen zusammengesetzte Gruppen aus mobilen und mobilitätseingeschränkten Personen teilnehmen. Dabei wird auch berücksichtigt, wie die Nutzung von Hilfsmitteln, beispielsweise Rollstühlen oder Rollatoren, die Bewegung der Personen beeinflusst.

„Unsere Aufgabe ist es, zu erforschen, ob die Eingangsgrößen, die bisher für die Berechnung modellbasierter Evakuierungsszenarien verwendet werden, auch für die Rettung von Menschen mit Beeinträchtigungen ausreichen oder erweitert werden müssen. Die heute angewandten Computersimulationen nutzen Daten, die aus Parameterstudien homogener und mobiler Gruppen erhoben wurden. Können wir diese Modelle auf die hier im Fokus stehenden Gruppen übertragen? Und wenn nicht, wo müssen wir was ändern? So gelingt beispielsweise Brandschutz letztendlich nur dann, wenn alle Betroffenen das brennende Gebäude lebend verlassen konnten“, so die Wissenschaftlerin Dr. Anja Hofmann-Böllinghaus aus dem BAM-Fachbereich 7.5 Technische Eigenschaften von Polymerwerkstoffen, die das Projekt koordiniert.

Die Forschungsergebnisse fließen in Sicherheitskonzepte ein, die auch Aspekte zu Training und Beratung beinhalten werden. Betreiber von Einrichtungen des Sozialen Sektors oder Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden können diese Forschungsergebnisse bei der Erstellung ihrer Evakuierungskonzepte nutzen, um zukünftig die Sicherheitsinteressen aller Personengruppen besser berücksichtigen zu können.

Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)

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